Interview mit Dr. Jochen Fabritius zur aktuellen Rohstoffsituation

Herr Fabritius, seit Beginn des Jahres 2021 und verstärkt in den letzten Tagen konnten wir feststellen, dass die Industrie mit einer noch nie dagewesenen Verknappung von wichtigen Rohstoffen und Additiven konfrontiert ist. Wie wirkt sich das auf Ihr Geschäft aus?
JF: Zunächst einmal ist es wichtig zu erwähnen, dass wir dank unserer global vernetzten Teams unsere Lieferkette ziemlich gut managen. Die wichtige Botschaft an unsere Kunden lautet daher: Wir tun alles, um Ihre Bestellungen zu erfüllen. Die Engpässe sind auf zwei Faktoren zurückzuführen: Erstens ein deutlicher Nachfrageschub in einer Zeit, in der das Angebot noch hochgefahren wird, und zweitens durch logistische Probleme, wie etwa die Blockade des Suezkanals, einen Mangel an Seecontainern und einen erheblichen, weltweiten Mangel an Paletten. Diese Effekte werden weltweit zu einem sehr deutlichen Anstieg der Frachtkosten führen.

Was ist der Grund für die starken Rohstoffkostensteigerungen?
JF: Darauf gibt es nicht die eine Antwort, die Situation ist eher komplex. Der Anstieg wird hauptsächlich durch einen starken wirtschaftlichen Neustart nach Covid-19 in vielen Teilen der Welt ausgelöst. Dies hat zu einer starken Nachfrage nach wichtigen Rohstoffen geführt sowie nach Basischemikalien und Spezialitäten, was sich auf unser gesamtes Bauchemiegeschäft auswirkt. Dieser Anstieg wird aber in keinster Weise durch die aktuellen Produktionskapazitäten unserer Lieferanten gedeckt: Es gibt viele Force Majeures durch unterschiedliche Gründe, z.B. durch die Explosion einer Epoxy-Anlage in Asien, Winterstürme in den USA, technische Schäden in einigen wichtigen Anlagen in Europa und wirtschaftlichen Stillständen in vielen Ländern. Wie sehen also hohe Nachfrage und niedrige Produktion – das Ergebnis ist ein starker Kostenanstieg in einer Größenordnung, wie wir ihn schon sehr lange nicht mehr gesehen haben.

Wie ist Ihr Ausblick und wie werden Sie reagieren, um diese herausfordernde Situation zu überwinden?
JF: Wie gesagt, wir steuern unsere Belieferungen gut. Aber die Situation selbst wird sich sehr wahrscheinlich für den Rest des Jahres nicht wesentlich verbessern und es wird Monate dauern, um sie zu überwinden. Die Produktionskapazitäten müssen hochgefahren werden, um die gesamte Nachfrage zu befriedigen, und die globalen Logistikprobleme müssen überwunden werden. Unsere Strategie ist es, auch weiterhin ein verlässlicher Partner für unsere Kunden zu sein. Dazu gehört auch die Vorhersehbarkeit von Preiserhöhungen, die in der Regel einer regelmäßigen Überprüfung auf der Basis des langfristigen Kostentrends unserer Inputfaktoren folgen. Das ist wichtig, da unsere Kunden im Gegenzug ihren Kunden Kostenvoranschläge vorlegen müssen und daher keine Überraschungen mögen. In der Ausnahmesituation, in der wir uns 2021 befinden, sind jedoch zusätzliche Preiserhöhungen nötig. Wir haben eines der breitesten Portfolios in der Industrie – unsere Vertriebsmitarbeiter werden sich eng mit unseren Kunden abstimmen, um sicherzustellen, dass diese all unsere alternativen Produkte und Lösungen kennen, um die besten Entscheidungen zu treffen.